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MFADE     2000_2009     2004     10     Rede des Ministerpräsidenten Sharon vor der Knesset - Abstimmung über den Abkopplungsplan 25-Oct-2005

Rede des Ministerpräsidenten Ariel Sharon vor der Knesset - Abstimmung über den Abkopplungsplan

[übersetzt aus dem Hebräischen]

Herr Vorsitzender, Mitglieder der Knesset!

Eine schicksalshafte Stunde hat für Israel geschlagen.

Wir stehen an der Schwelle einer schwierigen Entscheidung, wie wir sie selten treffen müssen, einer Entscheidung, deren Bedeutung für die Zukunft unseres Landes in dieser Region sich an den Schwierigkeiten, dem Schmerz und dem Disput messen läßt, die sie unter uns hervorgerufen hat. Sie wissen, daß ich dies den Vertretern unserer Nation und der ganzen Nation, die heute zuschaut und jedes Wort, das hier in der Knesset gesprochen wird, vernimmt, nicht leichtfertig sage.

Es ist dies ein Volk, das tapfer schwere Lasten und den Terror eines kontinuierlichen Krieges getragen hat und immer noch trägt, ein Volk, das von Generation zu Generation überlebt hat; in dem wie in einem Staffellauf die Gewehre von den Vätern an die Söhne weitergereicht wurden; in dem die Grenze, zwischen Front und Hinterland schon lange verschwunden ist; in dem Schulen und Hotels, Restaurants und Märkte, Konditoreien und Autobusse Ziele eines grausamen Terrorismus und vorsätzlicher Mordanschläge geworden sind.

Heute möchte diese Nation wissen, welche Schritte dieses Haus unternehmen wird, um dieser stürmischen Diskussion ein Ende zu setzen. Was werden wir sagen, welche Botschaft wollen wir ihnen vermitteln? Für mich persönlich ist diese Entscheidung unerträglich schwierig. Während meiner Jahre als Soldat und Kommandant, als Politiker und Knessetmitglied, als Minister in israelischen Regierungen und als Ministerpräsident habe ich mich niemals mit einer derart schwierigen Situation konfrontiert gesehen.

Ich kenne die Implikationen und Auswirkungen der Knessetentscheidung auf das Leben Tausender von Israelis, die viele Jahre lang im Gazastreifen gelebt haben, die von den Regierungen Israels dorthin geschickt wurden, und die dort ihre Heimat gefunden haben, Bäume und Blumen gepflanzt haben, die dort die Geburt ihrer Söhne und Töchter erlebt haben, und die niemals eine andere Heimat gekannt haben. Ich bin mir sehr wohl der Tatsache bewußt, daß ich sie dorthin geschickt habe und daß ich an diesem Unternehmen beteiligt war. Viele dieser Menschen sind meine Freunde.

Ich weiß um ihren Zorn, ihren Schmerz und ihre Verzweiflung.

Doch so sehr ich verstehen kann, was sie in diesen Tagen durchmachen und welche Konsequenzen die heute zu fällende Entscheidung der Knesset für sie haben wird, ich glaube auch, daß es notwendig ist, den Schritt der Abkopplung von diesen Gebieten zu gehen, mit allem damit verbundenen Schmerz. Und ich bin fest entschlossen, diesen Auftrag bis zum Ende auszuführen. Ich bin wahrhaftig überzeugt, daß diese Abkopplung Israels Anspruch auf Gebiete, die für unsere Existenz lebenswichtig sind, bestärken wird, und in Nah und Fern begrüßt und gewürdigt werden wird. Sie kann dazu beitragen, daß bestehende Zurückhaltungen aufgegeben, daß Boykotte und Ablehnung aufgehoben und daß mit den Palästinensern und unseren übrigen Nachbarn auf dem Weg des Friedens Fortschritte erzielt werden.

Mir wird vorgeworfen, ich würde das Volk und die Wähler täuschen, da ich Maßnahmen ergreife, die zu meinen Worten und Taten in der Vergangenheit in absolutem Widerspruch stehen. Dieser Vorwurf ist falsch. Während des Wahlkampfes und als Ministerpräsident habe ich wiederholt öffentlich gesagt, daß ich die Gründung eines palästinensischen Staates an der Seite des Staates Israel unterstütze. Ich habe wiederholt öffentlich gesagt, daß ich zu schmerzlichen Kompromissen bereit bin, um diesen fortwährenden, mörderischen Konflikt derjenigen, die um dieses Land kämpfen, zu beenden, und daß ich alles tun werde, um Frieden zu schaffen.

Herr Vorsitzender, ich möchte betonen, daß ich vor vielen Jahren, nämlich 1988, in einem Treffen mit Ministerpräsident Yitzchak Shamir und Ministern der Likud-Partei gesagt habe, daß das Gebiet geteilt werden muß, wenn wir nicht in die Grenzen von 1967 zurückgedrängt werden wollen.

Als jemand, der in allen Kriegen Israels gekämpft hat und der durch persönliche Erfahrung gelernt hat, daß wir ohne adäquate militärische Kräfte keine Überlebenschance in dieser Region haben, die den Schwachen keine Gnade zeigt, hat mich die Erfahrung auch gelehrt, daß das Schwert allein den bitteren Kampf um dieses Land nicht entscheiden kann.

Mir wurde gesagt, die Abkopplung werde als schändlicher Rückzug unter dem Druck des Terrors verstanden werden und die Terrorkampagnen nur verstärken, werde Israel als schwachen Staat und unser Volk als eine Nation erscheinen lassen, die nicht zum Kampf um seine Rechte bereit ist. Ich weise diese Äußerungen mit allem Nachdruck zurück. Wir haben die Kraft, dieses Land zu verteidigen und den Feind zu überwinden, der uns zerstören möchte.

Dann gibt es Menschen, die mir sagen, daß sie im Austausch für ein unterzeichnetes Friedensabkommen ebenfalls bereit wären, diesen schmerzlichen Kompromiß einzugehen.

Doch leider haben wir auf der anderen Seite niemanden, mit dem wir einen wahren Dialog über ein Friedensabkommen führen können. Selbst israelische Ministerpräsidenten, die ihre Bereitschaft erklärt haben, große Teile unseres Heimatlandes aufzugeben, begegneten nur Feuer und Feindschaft. Kürzlich hat der Vorsitzende der Palästinensischen Behörde erklärt, „eine Million Gotteskämpfer werden nach Jerusalem durchbrechen.“ In der Wahl zwischen historisch verantwortlichem, klugen Handeln, das zu einem schmerzlichen Kompromiß führen mag, und einem „heiligen Krieg“ zur Zerstörung Israels hat Yassir Arafat die zweite Möglichkeit gewählt - den Weg von Blut, Feuer und Gotteskrieg. Er versucht, einen nationalen Konflikt, der in gegenseitigem Verständnis beigelegt werden kann, zu einem Religionskampf zwischen Islam und Juden zu machen und selbst das Blut von Juden zu vergießen, die fern dieser Region leben.

Israel hat viele Hoffnungen und sieht sich extremen Gefahren ausgesetzt. Die größte Gefahr stellt der Iran dar, der jede erdenkliche Anstrengung unternimmt, um Nuklearwaffen und Fern-lenkraketen zu entwickeln, und der zusammen mit Syrien und dem Libanon ein gewaltiges Terrornetz etablieren möchte.

Und ich frage: Was machen wir und worum kämpfen wir angesichts dieser schrecklichen Gefahren? Sind wir nicht in der Lage, zusammenzustehen, um dieser Bedrohung zu begegnen? Das ist die eigentliche Frage.

Der Abkopplungsplan ersetzt keine Verhandlungen und hat nicht das Ziel, die Situation, aus der heraus er entstanden ist, permanent aufrechtzuerhalten. Er ist ein wesentlich notwendiger Schritt in einer Situation, in der augenblicklich keine wirklichen Friedensverhandlungen möglich sind. Doch alles bleibt offen für ein zukünftiges Abkommen, das hoffentlich erzielt werden kann, wenn der mörderische Terror beendet ist, und unsere Nachbarn erkannt haben, daß sie nicht über uns in diesem Land triumphieren können.

Herr Vorsitzender, mit ihrer Erlaubnis werde ich einige Zeilen aus einem bekannten Artikel vorlesen, der auf dem Höhepunkt der arabischen Revolte von 1936 publiziert wurde - wobei wir uns daran erinnern sollten, daß die jüdische Gemeinschaft in Israel damals weniger als 400.000 Menschen zählte. Der Artikel wurde von Moshe Beilinson in der Zeitung „Davar“, wie gesagt während der mörderischen arabischen Revolte von 1936, veröffentlicht (und ich zitiere):

„Wie lange noch? Das fragen die Menschen. Wie lange noch? Bis Israels Kraft in seinem Land jeglichen feindlichen Angriff verurteilen und im voraus besiegen wird; bis die hoch Begeisterten und Verwegenen in jedem Feindeslager wissen werden, daß es keine Mittel gibt, um Israels Kraft in seinem Land zu brechen, denn die Notwendigkeit des Lebens ist mit Israel, und die Wahrheit des Lebens ist mit ihm. Es gibt keine andere Möglichkeit, als das zu akzeptieren. Das ist das Wesen dieser Kampagne.“

Ich bin überzeugt, daß alles, was wir seither getan haben, diese empathischen Worte bestätigt. Wir haben kein Verlangen danach, über Millionen von Palästinensern zu herrschen, deren Zahl sich in jeder Generation verdoppelt. Israel, das eine exemplarische Demokratie sein möchte, wird nicht in der Lage sein, diese Realität über lange Zeit aufrechtzuerhalten. Der Abkopplungsplan bietet die Möglichkeit, einer anderen Realität die Tore zu öffnen.

Ich möchte heute auch unseren arabischen Nachbarn ein Wort sagen. Schon in seiner Unabhängigkeitserklärung hat Israel inmitten eines grausamen, blutigen Krieges um seine Entstehung denjenigen die Hand zum Frieden gereicht, die es bekämpften und mit Gewalt zu zerstören versuchten (und ich zitiere):

„Wir appellieren - sogar während der Dauer des blutigen Angriffs, der auf uns seit Monaten unternommen wird - an die Angehörigen des arabischen Volkes, die im Staat Israel leben, den Frieden zu bewahren und sich am Aufbau des Staates auf der Grundlage voller bürgerlicher Gleichheit und entsprechender Vertretung in allen Institutionen des Staates, den provisorischen und den endgültigen, zu beteiligen.“

Seither ist viel Zeit vergangen. Dieses Land und diese Region haben weitere Kriege durchlitten und alle Kriege zwischen den Kriegen durchgestanden, Terrorismus und die schwerwiegenden Gegenmaßnahmen Israels in der alleinigen Absicht, das Leben seiner Bürger zu verteidigen. In diesem fortwährenden Krieg verloren viele Zivilisten, viele Unschuldige ihre Leben. Tränen begegneten Tränen.

Sie sollen wissen, daß wir nicht danach trachten, unser Leben in dieser Heimstatt auf ihren Ruinen aufzubauen. Vor vielen Jahren legte Ze‘ev Jabotinsky in einem Gedicht seine Vision von Partnerschaft und Frieden zwischen den Völkern dieses Landes dar (und ich zitiere):

„Hier wird er mit Fülle und Freude gesättigt sein, der Sohn des Arabers, der Sohn Nazareths und mein Sohn.“

Wir wurden angegriffen und haben widerstanden, mit dem Rücken zum Meer. Viele sind in der Schlacht gefallen, und viele haben ihre Häuser und Felder und Obstplantagen verloren. Viele sind zu Flüchtlingen geworden. Das ist der Weg des Krieges. Doch der Krieg ist nicht unvermeidlich und vorherbestimmt. Auch heute bedauern wir den Verlust unschuldigen Lebens in unserer Mitte. Unser Weg ist nicht von absichtlichem Morden bestimmt.

Vor 48 Jahren, am Vorabend des Unabhängigkeitstages 1956, wurden die Leichen von zehn Terroristen, die in Israel Verbrechen, mörderische Akte in Israel, begangen hatten in zehn hölzernen Särgen am Grenzübergang im Gazastreifen an Ägypten zurückgegeben. Auf diesem Hintergrund schrieb der hebräische Dichter Natan Alterman folgende Verse:

„Arabia, dir unbekannter Feind, du wirst erwachen, wenn du dich gegen mich erhebst, mein Leben ist Zeuge, mit meinem Rücken zur Wand, und zu meiner Geschichte und meinem Gott.“
„Feind, die Kraft dessen, der wütet vor denen, die sich erhoben, um ihn zu zerstören bis auf diesen Tag, kommt nur der Kraft seiner Bruderschaft gleich in brüderlichem Bund zwischen einer Nation und der anderen.“

Das war während der Zeit terroristischen Morden und unserer Vergeltungsschläge.

Mitglieder der Knesset, mit Ihrer Erlaubnis möchte ich mit einem Zitat Ministerpräsident Menachem Begins schließen, der Ende Dezember 1977 auf diesem Podium gesagt hat (und ich zitiere):

„Wo liegen die Wurzeln dieser unverantwortlichen Sprache, neben vielen anderen Dingen, die gesagt wurden? Ich habe einmal in einem Gespräch mit Vertretern Gush Emunims gesagt, daß ich sie heute schätze, und daß ich sie auch morgen noch schätzen werde. Ich sagte ihnen: Sie sind wunderbare Pioniere, Bauern des Landes, Siedler auf ödem Boden, in Regen und hartem Winter, durch alle Schwierigkeiten hindurch. Doch Sie haben alle eine Schwäche - Sie haben in Ihren Reihen einen messianischen Komplex entwickelt.“

„Sie müssen wissen, daß es Tage gab, bevor Sie geboren wurden oder als Sie noch kleine Kinder waren, als andere Menschen Tag und Nacht ihr Leben riskiert, den harten Boden bearbeitet und viele Opfer gebracht haben und ihren Aufgaben nachgegangen sind, ohne einen messianischen Komplex zu entwickeln. Und ich rufe Sie heute auf, meine guten Freunde von Gush Emunim, Ihrem Auftrag mit nicht weniger Bescheidenheit als Ihre Vorgänger zu anderen Zeiten gerecht zu werden.“

„Wir brauchen niemanden, der unsere Redlichkeit und unsere Pflicht gegenüber dem Land Israel überwacht! Wir haben unser Leben dem Land Israel geweiht und dem Kampf um seine Befreiung. Und das werden wir auch weiterhin tun.“

Ich rufe das israelische Volk in dieser entscheidenden Stunde zur Einheit auf. Wir müssen einen gemeinsamen Hauptnenner für eine Form der „notwendigen Einheit“ finden, die uns in die Lage versetzen wird, diese bedeutungsträchtigen Tage mit Verständnis und auf der Grundlage unseres gemeinsamen Schicksals zu bewältigen; eine Einheit, die es uns erlauben wird, dem Bruderhaß entgegenzutreten, der viele zu weit gehen läßt. Wir haben bereits einen unerträglich hohen Preis für den mörderischen Fanatismus gezahlt. Wir müssen die Wurzeln finden, die uns zusammenbringen, und wir müssen weise und verantwortlich handeln, damit wir als eine reife, erfahrene Nation bestehen können. Ich rufe Sie auf, mich in diesem entscheidenden Augenblick zu unterstützen.

Herzlichen Dank!

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See also
   Die Kabinettsresolution zum Abkopplungsplan
   Israels Abkopplunsplan: Zur Erneuerung des Friedensprozesses
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