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Herzl und der Zionismus

„In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. ... Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig Jahren wird es jeder einsehen.“
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Herzl in Basel (1898)
(Central Zionist Archives)

Theodor (Benjamin Ze‘ev) Herzl, der Gründer des modernen politischen Zionismus, wurde 1860 in Budapest geboren. Er wuchs dort auf im Geiste der deutsch-jüdischen Aufklärung jener Epoche mit ihrer Wertschätzung der säkularen Kultur. Im Jahre 1878 zog die Familie nach Wien; 1884 promovierte der junge Herzl an der juristischen Fakultät der Wiener Universität. Er wurde Schriftsteller und Journalist, verfaßte einige Theaterstücke und wurde schließlich von der einflußreichen liberalen Wiener Zeitung Neue Freie Presse als Korrespondent nach Paris geschickt.

In der Zeit seines Studiums an der Wiener Universität (1882) begegnete Herzl erstmals dem Antisemitismus, der sein Leben und das Schicksal der Juden im 20. Jahrhundert prägen sollte. Während seines späteren Aufenthaltes als Journalist in Paris wurde er dann direkt mit dem Problem des Antisemitismus konfrontiert. Zu jener Zeit hielt er die sogenannte „Judenfrage“ für ein soziales Problem. In diesem Sinne schrieb er 1894 das Theaterstück Das Ghetto, in dem er Assimilation und Konversion zum Christentum als Lösungen verwarf. Herzl hoffte, sein Stück werde zu einer Debatte und letztlich zu einer Lösung des Problems führen, die auf Toleranz und Respektzwischen Christen und Juden basierte.

   

Plakat zum Jubiläum der Zionistischen Weltorganisation 1947
(Central Zionist Archives)

Herzls Buch Der Judenstaat
[The Jewish State]
(Central Zionist Archives)

Im Jahre 1894 wurde Hauptmann Alfred Dreyfus, ein jüdischer Offizier in der französischen Armee, zu Unrecht des Verrates beschuldigt. Insbesondere die damals vorherrschende antisemitische Atmosphäre hatte zu dieser falschen Beschuldigung beigetragen. Herzl wurde Zeuge von Demonstrationen des Pöbels, der in den Straßen „Tod den Juden“ rief. Er kam zu der Schlußfolgerung, daß es nur eine Lösung des gefährlichen Antisemitismusproblems gebe: Die Massenauswanderung von Juden in ein Land, das sie ihr eigenes nennen können. So wurde die Dreyfus-Affäre zu einem der entscheidenden Faktoren bei der Entstehung des politischen Antisemitismus. Herzl vertrat die Ansicht, der Antisemitismus sei ein konstantes, unveränderliches Element der Gesellschaften und damit ein Problem, das die Assimilation nicht lösen könne. Er dachte über die Idee der jüdischen souveränen Staatlichkeit nach und publizierte 1896 trotz manchen Spottes von seiten führender jüdischer Persönlichkeiten seine Schrift Der Judenstaat. Herzl ging davon aus, daß die „Judenfrage“ im Wesen nicht individuell, sondern allein national anzugehen sei. Er erklärte, daß Juden in der Welt nur Akzeptanz erlangen könnten, wenn sie ihren anomalen nationalen Status aufgäben. Juden sind ein Volk, sagte er, und ihre Notlage kann durch die Gründung eines jüdischen Staates mit Zustimmung der Großmächte zum Positiven gewendet werden. Er verstand die „Judenfrage“ fortan als eine internationale politische Frage, die entsprechend auf der Ebene der internationalen Politik behandelt werdenmüsse.

Herzl schlug ein praktisches Programm für die Sammlung von finanziellen Mitteln unter Juden in aller Welt durch eine Organisation vor, die sich für die praktische Realisierung dieses Zieles einsetzen sollte (diese Organisation hieß dann nach ihrer Gründung die Zionistische Organisation). Er sah den zukünftigen Staat als einen Sozialstaat mit Modellcharakter. Herzls Ideen beruhten dabei auf dem damaligen europäischen Modell einer modernen aufgeklärten Gesellschaft. Der Staat sollte neutral und friedliebend sein und in seinemWesen säkular.

Herzls Ideen wurden von der jüdischen Bevölkerung in Ost-Europa mit Enthusiasmus aufgenommen, auch wenn sich die jüdische Führung weniger begeistert zeigte. Dennoch konnte Herzl vom 29. bis zum 31. August 1897 den ersten Zionistenkongreß im schweizerischen Basel einberufen, dessen Vorsitz er übernahm. Es war die erste territorial übergreifende Versammlung von Juden auf einer nationalen und säkularen Ebene. Auf dem Kongreß nahmen die Delegierten das Basler Programm - das Programm der Zionistischen Bewegung - an, und erklärten, derZionismus erstrebe die Schaffung einer öffentlich- rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Auf dem Kongreß wurde die Zionistische Organisation als die politische Institution des jüdischen Volkes ins Leben gerufen; Herzl wurde ihr erster Präsident. Im gleichen Jahr gründete Herzl die zionistische Wochenzeitung Die Welt und nahm die Arbeit an einer Satzung für die jüdische Siedlung im Lande Israel (Erez Israel) auf.

Herzl mit einer zionistischen Delegation auf dem Weg ins LandIsrael 1898
(Israel Government Press Office)

Dem ersten Zionistenkongreß folgten jährlich weitere internationale Kongresse der Zionistischen Bewegung. Im Jahre 1936 wurde das Zentrum der Zionistischen Bewegung nach Jerusalem verlegt.

1902 schrieb Herzl den zionistischen Roman Altneuland, in dem er den zukünftigen jüdischen Staat als eine soziale Utopie beschrieb. Herzl sah eine neue Gesellschaft voraus, die im Lande Israel auf kooperativer Basis entstehen und Wissenschaft und Technologie zur Entwicklung des Landes einsetzen werde. Im Detail formulierte er Ideen zur politischen Struktur des zukünftigen Staates aus seiner Sicht, zu Immigration und Werbung finanzieller Mittel, zu diplomatischen Beziehungen, zur Sozialgesetzgebung und zur Beziehung zwischen Staat und Religion. In Altneuland wird der jüdische Staat von einer pluralistischen, fortschrittlichen Gesellschaft getragen; er ist ein „Licht für die Völker“. Dieses literarische Werk hatte großen Einfluß auf die jüdische Bevölkerung jener Epoche und wurde zum Symbol der zionistischenVision für das Land Israel.

Herzl mit einer zionistischen Delegation in Jerusalem (1900)
(Israel Government Press Office)

Herzl wußte, wie wichtig die Unterstützung der Großmächte für die Sache des jüdischen Volkes war. So reiste er 1898 ins Land Israel und nach Istanbul, um den deutschen Kaiser Wilhelm II. und den Sultan des osmanischen Reiches zu treffen. Als sich diese Bemühungen als fruchtlos erwiesen, wandte er sich Großbritannien zu und traf mit Joseph Chamberlain, dem britischen Kolonialminister, und anderen Politikern zusammen. Das einzige konkrete Angebot, das Herzl von den Briten erhalten konnte, war der Vorschlag einer jüdischen Autonomieregion im ost-afrikanischen Uganda.

Der Pogrom von Kishinev im Jahre 1903 und die schwierige Situation der russischen Juden, die Herzl während eines Besuches in Rußland mit eigenen Augen sehen konnte, hinterließen bei ihm einen schweren Eindruck. Er legte den britischen Uganda-Plan dem 6. Zionistenkongreß (1903) als eine vorübergehende Lösung einer Zufluchtsstätte für russische Juden in unmittelbarer Gefahr vor. Während Herzl deutlich darstellte, daß der Plan nicht das endgültige Ziel des Zionismus – die Gründung einer jüdischen politischen Einheit im Lande Israel – ablösen werde, verursachte der Vorschlag auf dem Kongreß große Entrüstung und führte beinahe zu einer Spaltung der Zionistischen Bewegung. Der Uganda-Plan wurde von der Zionistischen Bewegung dann endgültig auf dem 7. Zionistenkongreß von 1905 zurückgewiesen.

Herzls Grab auf dem Herzl-Berg in Jerusalem
(Central Zionist Archives)

Herzl starb 1904 an Lungenentzündung und einem langjährigen Herzleiden in völliger Überarbeitung durch seine unaufhörlichen Bemühungen um den Zionismus. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte die Zionistische Bewegung ihren Platz auf der politischen Weltkarte bereits behaupten können. Im Jahre 1949 wurden Herzls sterbliche Überreste nach Israel gebracht und auf dem Herzl-Berg inJerusalem bestattet.

Herzl prägte die Wendung „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen“, die das Motto der Zionistischen Bewegung werden sollte. Auch wenn zu jener Zeit niemand es sich vorzustellen vermochte, so erreichte die Zionistische Bewegung doch nur fünfzig Jahre nach dem ersten Zionistenkongreß die Gründung desunabhängigen Staates Israel.


Der Zionistenkongreß: Von der Diaspora nach Israel


Herzl auf dem ersten Zionistenkongreß (1897)
(Israel Government Press Office)


Zusammenkunft des 27. Zionistenkongresses in Israel (1968)
(Central Zionist Archives)


Zionismus
(Dieses Kapitel ist dem Buch Zionismus (1995) von Professor Benyamin Neuberger entnommen.)

Zionismus ist die Nationalbewegung, die die Rückkehr von Juden in ihre Heimat – das Land Israel – mit der Wiederaufnahme eines souveränen jüdischen Lebens im Lande Israel verbindet.

Sehnsucht nach Zion und jüdische Immigration ins Land Israel existierten im Laufe der langen Exilszeit nach der römischen Eroberung und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n.d.Z. Diese Sehnsucht erhielt im 19. Jahrhundert eine neue Form, als die modernen Bewegungen des Nationalismus, des Liberalismus und der Emanzipation Juden mit neuen Fragen konfrontierten, die der Zionismus zu beantworten versuchte. Die „Chibbat Zion“-Bewegung, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammengefunden hatte, trat für die Wiederbelebung jüdischen Lebens im Lande Israel ein, und begann dort, landwirtschaftliche Siedlungen zu gründen. Etwas später konsolidierte Herzl den Zionismus als eine politische Bewegung, indem er 1897 den ersten Zionistenkongreß einberief. Herzl war der erste, der dem jüdischen Problem globale Aufmerksamkeit verschaffte. Damit machte er das jüdische Volk zu einem Teilnehmer an den politischen Prozessen jener Zeit. Die Zionistische Bewegung, die aus Herzls Initiative entstand, schuf das organisatorische, politische und ökonomische Instrumentarium, um ihre Vision und Ideologie zu verwirklichen.

Die Zionistische Bewegung verkündete ihr Ziel – die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk im Lande Israel – in dem Basler Programm. Abgesehen von Gruppen, die die Idee einer nationalen Wiederbelebung grundsätzlich ablehnten, umfaßte die Zionistische Bewegung unterschiedliche Richtungen, vom religiösen Zionismus bis hin zum sozialistischen Zionismus. Alle arbeiteten für das eine Ziel einer jüdischen nationalen Heimstätte, ein Unternehmen, das 1948 in der Gründung des Staates Israel gipfelte.

Die moderne Variante eines alten Motivs

Der Ursprung des Wortes „Zionismus“ ist das biblische Wort „Zion“, das oft als Synonym für Jerusalem und das Land Israel (Erez Israel) gebraucht wird. Zionismus ist eine Ideologie, die die Sehnsucht von Juden in aller Welt nach ihrer historischen Heimat – nach Zion, dem Land Israel – zum Ausdruck bringt.

Die Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimat regte sich erstmals unter Juden im babylonischen Exil vor 2.500 Jahren – eine Hoffnung, die schließlich Realität werden sollte („An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten.“ - Psalm 137,1). Der politische Zionismus erfand also bei seiner Gründung im 19. Jahrhundert weder das Konzept noch die Praxis einer Rückkehr nach Zion. Vielmehr nahm er eine alte Idee und eine fortlaufende aktive Bewegung auf und paßte sie den Bedürfnissen und Gegebenheiten seiner Zeit an.

Der Kern der zionistischen Idee begegnet in der Erklärung der Gründung des Staates Israel (14. Mai 1948), in der es unter anderem heißt:

„In Erez Israel entstand das jüdische Volk. Hier prägte sich sein geistiges, religiöses und politisches Wesen. Hier lebte es frei und unabhängig. Hier schuf es eine nationale und universelle Kultur, und schenkte der Welt das Ewige Buch der Bücher.
Durch Gewalt vertrieben, blieb das jüdische Volk auchinder Verbannung seiner Heimat in Treue verbunden. Nie wich seine Hoffnung, nie verstummte sein Gebet um Heimkehr und Freiheit.“

Die Idee des Zionismus beruht auf einer langen Verbindung zwischen dem jüdischen Volk und seinem Land, einer Verbindung, die vor nahezu 4.000 Jahren begann, als Abraham in Kanaan siedelte, das später als das Land Israel bekannt werden sollte.

Im Mittelpunkt des zionistischen Denkens steht das Konzept des Landes Israel als historische Geburtsstätte des jüdischen Volkes und der Glaube, daß jüdisches Leben an anderen Orten ein Leben im Exil ist. Moses Hess brachte diesen Gedanken 1844 in seinem Buch Rom und Jerusalem mit folgenden Worten zum Ausdruck:

„Die jüdische Gesetzgebung hatte zwei Hauptepochen: die Zeit nach der Befreiung aus der ägyptischen, und jene nach der Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft. Eine dritte steht ihr noch bevor, nach der Erlösungausdemdritten Exil.“

Im Laufe der Jahrhunderte in der Diaspora bewahrten Juden eine enge, einzigartige Beziehung zu ihrer historischen Heimat. Ihre Sehnsucht nach Zion manifestierte sich in religiösen Ritualen und der jüdischen Literatur.

Antisemitismus als ein Faktor bei der Entstehung des Zionismus

Auch wenn der Zionismus die historische Verbindung des jüdischen Volkes mit dem Lande Israel zum Ausdruck bringt, so wäre der moderne Zionismus als eine aktive Nationalbewegung im 19. Jahrhundert wohl kaum ohne den damaligen Antisemitismus und die vorangegangenen Jahrhunderte der Verfolgung entstanden.Im Laufe der Jahrhunderte waren Juden aus fast allen europäischen Ländern vertrieben worden – aus Deutschland und Frankreich, Portugal und Spanien, England und Wales. Dies schlug sich als Erfahrung im kollektiven Gedächtnis nieder und hatte gewichtige Auswirkungen, insbesondere im 19. Jahrhundert, als Juden die Hoffnung auf eine grundlegende Veränderung ihrer Lebensbedingungen bereits aufgegeben hatten. Diese geistige Atmosphäre prägte führende jüdische Persönlichkeiten, die sich dem Zionismus infolge eines virulenten Antisemitismus in den Gesellschaften ihrer Umwelt zuwandten. So wurde Moses Hess, aufgerüttelt durch die Ritualmordbeschuldigung von Damaskus (1844), zum geistigen Vater des zionistischen Sozialismus; Leon Pinsker, erschüttert durch die Pogrome der Jahre 1881-1882 nach der Ermordung Zar Alexanders II., übernahm die Führung der „Chibbat-Zion“-Bewegung; und Theodor Herzl, der als Journalist in Paris die niederträchtige antisemitische Kampagne im Zuge der Dreyfus-Affäre miterlebt hatte (1896), machte den Zionismus zu einer politischen Bewegung.

Die Zionistische Bewegung zielte auf die Lösung der „Judenfrage“, des Problems einer ewigen Minderheit, eines Volkes, das kontinuierlich Pogromen und Verfolgungen ausgesetzt war, einer heimatlosen Gemeinschaft, deren Fremdheit durch diskriminierende Maßnahmen unterstrichen wurde, wo auch immer Juden sich niederließen. Der Zionismus wollte dieser Situation durch die Rückkehr in das historische Heimatland des jüdischen Volkes – in das Land Israel – ein Ende setzen.

Praktisch waren die meisten der Einwanderungswellen ins Land Israel (Aliyah) in der Neuzeit direkte Reaktionen auf Gewalttaten und Diskriminierungsmaßnahmen gegen Juden. Die Erste Aliyah folgte auf die Pogrome in Rußland in den 1880er Jahren. Die Zweite Aliyah wurde durch den Pogrom von Kishinev und eine Reihe von Massakern in der Ukraine und in Weißrußland zur Jahrhundertwende ausgelöst. Die Dritte Aliyah setzte nach der Ermordung von Juden im russischen Bürgerkrieg ein. Die Vierte Aliyah hatte ihre Ursprünge in Polen in den 1920er Jahren, nachdem die wirtschaftliche Tätigkeit von Juden dort durch staatliche Gesetzgebung eingeschränkt worden war. Die Fünfte Aliyah setzte sich aus deutschen und österreichischen Juden zusammen, die vor dem Nationalsozialismus flohen.

David Ben-Gurion erklärt die Unabhängigkeit des Staates Israel (14. Mai 1948)
(Israel Government Press Office)

Nach der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 standen die Masseneinwanderungen weiterhin im Zusammenhang von Diskriminierung und Unterdrückung: Überlebende des Holocaust aus Europa, Flüchtlinge aus arabischen Ländern, die vor den Verfolgungen nach der Gründung Israels flohen, die Überlebenden des polnischen Judentums, die vor dem erneut aufflammenden Antisemitismus in der Ära von Gomulka und Muzcar flohen, und Juden aus Rußland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, die eine neue Antisemitismuswelle nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fürchteten.

Die Geschichte dieser Einwanderungswellen bietet einen wichtigen Beleg für das zionistische Argument, daß ein jüdischer Staat im Lande Israel mit einer jüdischen Mehrheit die einzige Lösung der „Judenfrage“ ist.

Aufstieg des politischen Zionismus

Der politische Zionismus, die nationale Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, entstand im 19. Jahrhundert im Kontext des liberalen Nationalismus, der damals Europa prägte.

Der Zionismus verband die beiden Ziele des liberalen Nationalismus – Freiheit und Einheit –, indem er die Befreiung von Juden von der feindseligen, repressiven Fremdherrschaft und die Neugründung einer jüdischen Einheit durch die Sammlung aus dem jüdischen Exil aus allen Gegenden der Welt im jüdischen Heimatland anstrebte.

Die Entstehung des Zionismus als einer politischen Bewegung war auch eine Reaktion auf das Scheitern der Haskala, der jüdischen Aufklärung, bei der Lösung der „Judenfrage“. Nach zionistischer Lehre lag der Grund für dieses Scheitern darin, daß individuelle Emanzipation und Gleichberechtigung ohne nationale Emanzipation und Gleichberechtigung nicht möglich waren, da nationale Probleme auch nationale Lösungen verlangten. Die nationale Lösung des Zionismus war die Gründung eines jüdischen Nationalstaates mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit in dem historischen Heimatland und damit die Realisierung des Selbstbestimmungsrechtes des jüdischen Volkes. Der Zionismus erwägte die „Normalisierung“ der jüdischen Lebensbedingungen keinesfalls im Gegensatz zu universalen Zielen und Werten. Vielmehr setzte er sich für das Recht eines jeden Volkes auf eine Heimat mit der Argumentation ein, daß nur ein souveränes Volk ein gleichberechtigtes Mitglied der Völkerfamilie sein könne.

Zionismus: Eine pluralistische Bewegung

Auch wenn der Zionismus im Grunde eine politische Bewegung war, die die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine Heimat in Freiheit, Unabhängigkeit und Staatlichkeit anstrebte, so förderte die Bewegung auch die Renaissance der jüdischen Kultur. Ein wichtiges Element dieses kulturellen Erwachens war die Wiederbelebung der hebräischen Sprache, die lange auf Liturgie und Literatur beschränkt geblieben war, als eine lebendige Nationalsprache zum Gebrauch in Regierung und Militär, Erziehung und Wissenschaften, auf den Märkten und in den Straßen.

Wie andere Nationalbewegungen so hat der Zionismus sich mit unterschiedlichen Ideologien verbunden und in der Folge zionistische Strömungen und Unterströmungen herausgebildet. Die Verbindung von Nationalismus und Liberalismus führte zum liberalen Zionismus; die Integration des Sozialismus ließ den sozialistischen Zionismus entstehen; die Verknüpfung von Zionismus und tiefem religiösen Glauben resultierte im religiösen Zionismus; und der Einflußdeseuropäischen Nationalismus inspirierte den rechts-nationalistischen Flügel des Zionismus. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Zionismus in keiner Hinsicht von anderen Nationalismen, die sich ebenfalls mit liberalen, traditionellen, sozialistischen (linken) und konservativen (rechten) Tendenzen verbunden haben.

Zionismus und arabischer Nationalismus

Die meisten Gründerväter des Zionismus wußten, daß Palästina (das Land Israel) eine arabische Bevölkerung hatte (auch wenn einige naiv von „einem Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ sprachen). Doch nur wenige hielten die arabische Bevölkerung für ein Hindernis auf dem Weg zur Durchsetzung des Zionismus. Zu jener Zeit im späten 19. Jahrhundert gab es noch keinen arabischen Nationalismus, und die arabische Bevölkerung Palästinas war dünn gesät und unpolitisch. Viele zionistische Politiker gingen davon aus, daß ein Konfliktzwischen den zurückkehrenden Juden und den einheimischen Gemeinden vermeidbar sei, da diese relativ klein waren; sie waren auch überzeugt, daß die im Zuge der zionistischen Einwanderung einsetzende Entwicklung des Landes beiden Völkern zugute kommen werde, was eine arabische Zustimmung und Kooperation erwarten ließ. Doch diese Hoffnungen erfüllten sich nicht.

Entgegen der erklärten Positionen und Erwartungen der zionistischen Ideologen, die ihre Ziele mit friedlichen Mitteln und in Kooperation erreichen wollten, traf die erneuerte jüdische Präsenz im Lande auf militanten arabischen Widerstand. Einige Zeit lang verstanden viele Zionisten nur schwer die Tiefe und Intensität des Konflikts.Siekonntennichtakzeptieren,daßessich praktisch um das Zusammentreffen zweier Völker handelte, die beide das Land als ihr eigenes betrachteten – Juden aufgrund ihrer geistigen und historischen Verbindung, und Araber infolge ihrer jahrhundertelangen Präsenz im Land.

Zwischen 1936 und 1947 intensivierte sich der Kampf um das Land Israel. Die arabische Opposition wurde mit zunehmendem Wachstum und der Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft immer extremer. Gleichzeitig hielt die Zionistische Bewegung es für notwendig, die jüdische Einwanderung zu verstärken und die wirtschaftliche Infrastruktur des Landes zu entwickeln, um so viele Juden wie möglich vor dem nationalsozialistischen Inferno in Europa zu retten.

Der unvermeidbare Zusammenstoß zwischen Juden und Arabern veranlaßte die Vereinten Nationen, am 29. November 1947 die Gründung zweier Staaten – eines jüdischen und eines arabischen – in der Region westlich des Jordan zu empfehlen. Die Juden akzeptierten die Resolution; die Araber lehnten sie ab.

Am 14. Mai 1948 wurde in Übereinstimmung mit der Resolution vom November 1947 der Staat Israel gegründet.

Der Staat Israel: Vom Traum zur Wirklichkeit

Zionismus im 21. Jahrhundert

Herzl spricht auf dem Zionistenkongreß in Basel
(Israel Government Press Office)

Die Knesset (Israels Parlament) während einer Sitzung
(Yoaf Loeff)

Die Gründung des Staates Israel ist die Verwirklichung des zionistischen Ziels der Errichtung einer international anerkannten, öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in seiner historischen Heimat, in der Juden frei von jeglicher Verfolgung leben und ihre eigene individuelle und kollektive Identität entwickelnkönnen.

Seit 1948 sieht der Zionismus seine Aufgabe vor allem in der Fortsetzung der „Sammlung aus dem Exil“, die bisweilen außergewöhnliche Anstrengungen kostet, um (physisch und psychisch) gefährdete jüdische Gemeinden zu retten. Der Zionismus strebt auch nach einer Bewahrung der Einheit und Kontinuität des jüdischen Volkes sowie nach der Betonung der Zentralität Israels für jüdischesLeben an allen Orten.

Im Laufe der Jahrhunderte war die Sehnsucht nach der Wiederherstellung des jüdischen Volkes im Lande Israel das Band, das das jüdische Volk zusammengehalten hat. Juden in aller Welt erkennen im Zionismus einen fundamentalen Grundsatz des Judentums, unterstützen den Staat Israel als grundlegende Realisierung des Zionismus und werden durch die Existenz Israels, eines Mitglieds der Völkerfamilie und einer pulsierenden, kreativen Errungenschaft jüdischen Geistes, kulturell, gesellschaftlich undgeistig bereichert.

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