In byzantinischer Zeit (4.-7.Jh.) war Jerusalem eine christliche Stadt mit vielen Kirchen. Die wichtigste darunter war die Grabeskirche, die Kaiser Konstantin der Große zu Beginn des 4. Jahrhunderts an der traditionellen Stätte von Kreuzigung und Begräbnis Jesu hatte errichten lassen. Ein anderer großer Sakralbau der Christen war die Nea-Kirche, die Kaiser Justinian auf dem Höhepunkt der christlichen Ära Jerusalems Mitte des 6. Jahrhunderts hatte errichten lassen. Tausende christlicher Pilger kamen zu dieser Zeit nach Jerusalem und hinterließen viele schriftliche Beschreibungen der Stadt und ihrer heiligen Stätten. Doch das wichtigste Zeugnis des byzantinischen Jerusalems ist die berühmte Madaba-Karte, ein farbiges Mosaik, das Teil eines Kirchenfußbodens (im heutigen Jordanien) vom Ende des 6. Jahrhunderts war.
Die Karte bietet einen Blick auf Jerusalem aus der Vogelperspektive. Im Detail erscheinen die Mauern, Tore, die wichtigsten Straßenzüge und Kirchen der Stadt. Die Hauptstraße, der Cardo maximus (kurz Cardo genannt), war eine Kolonnade mit Säulen auf beiden Seiten, die die Stadt von Norden nach Süden - vom heutigen Damaskustor bis zum Zionstor - durchzog. Auf der Madaba-Karte erscheinen entlang des Cardos deutlich zwei große Kirchengebäude - die Grabeskirche im Norden und die Nea-Kirche am Südende des Cardos.
Die Madaba-Karte, die früheste kartographische Darstellung Jerusalems, leitete Archäologen auf ihrer Suche nach den Zeugnissen des byzantinischen Jerusalems. Nach der Wiedervereinigung der Stadt 1967 wurden Ausgrabungen im Jüdischen Viertel (im Südostteil der Altstadt) durchgeführt. Die Nea-Kirche und der Cardo wurden an den Stätten entdeckt, die die Madaba-Karte als ihre Lage hatte vermuten lassen.
Die Nea-Kirche
In Jerusalem baute er (Justinian) eine unvergleichliche Kirche zu Ehren der Jungfrau. Die Leute nennen diese Kirche die Neue Kirche (Nea), schrieb Prokopius, der Hofhistoriker Kaiser Justinians. Der vollständige Name des Heiligtums lautete Kirche der Gottesmutter Maria. Prokopius erzählt detailliert von ihrer Konstruktion und benennt die verschiedenen Bauten, die zu dem großen Kirchenkomplex gehört haben.
Teile der Kirche wurden auf dem Südhügel des Jüdischen Viertels in der Altstadt entdeckt. Sie stand auf einem massiven Podium, das von starken Steinmauern auf tiefem felsigen Grundgestein getragen wurde. Es war ein gewaltiger Bau, 115 m lang und 57 m breit, unterteilt durch vier Säulenreihen, die das mächtige Dach trugen. Die Ostwand hatte eine ganz außergewöhnliche Stärke (6,5 m) und enthielt Apsiden mit einem Durchmesser von 5 m. Marmorplatten bedeckten den Fußboden.
Auf der Südseite der Kirche, wo das Grundgestein am tiefsten ist, wurde ein sehr großes, vollständig erhaltenes unterirdisches Wasserreservoir gefunden. Einige der Anbauten der Kirche standen über diesem Reservoir von
33 x 17 m. Es ist in mehrere Gewölbe gegliedert, die von Bögen getragen werden, welche wiederum auf gewaltigen, 10 m hohen Pfeilern (5 x 3,5 m) ruhen. Das Innere des Reservoirs war mit einer dicken Schicht harten Putzes bedeckt; es hatte eine Kapazität von Tausenden Litern Wasser.